Textkorrektur "satzweise"

Bei der sechsten Korrektur eines meiner Manuskripte fielen immer noch Fehler auf, meist waren diese zwar eher stilistischer Natur (also z.B. die mehrfache Verwendung desselben Wortes in einem Satz oder Absatz), aber immerhin. Besonders in Absätzen, in denen die Handlung gerade ordentliche Sprünge macht und man naturgemäß schneller liest, verstecken sich solche Fehler gerne. Nur so ist zu erklären, dass man erst beim sechsten Mal merkt, dass ein "warteten Wagen" eigentlich ein "wartender Wagen" sein sollte - beinahe unglaublich ist, dass man so etwas fünfmal überlesen hat! Auf die automatische Rechtschreibprüfung kann man sich bei solchen Patzern ja leider nicht verlassen, da "warteten" nun einmal ein völlig korrektes Wort ist, nur leider nicht in diesem Zusammenhang ...

Daher habe ich versucht, den Roman zu entzerren und die Sätze einzeln zu lesen und zu korrigieren, unabhängig von ihrem eigentlichen Zusammenhang.
Die Methode:
  • Der blanke Text wurde in einen Texteditor kopiert.
  • Mittels eines Makros wurde hinter jedem Punkt, Fragezeichen und Ausrufezeichen ein Zeilenumbruch eingefügt, um jeden Satz in eine eigene Zeile zu bekommen.
  • Über die Sortierfunktion des Editors wurden die Sätze alphabetisch sortiert.
  • Mit einem weiteren Makro wurde hinter jeder Zeile eine Leerzeile eingefügt, um nicht wieder zusammenhängenden Text zu erhalten.
Ich gebe zu, das Lesen von ca. 2000 unzusammenhängenden Sätzen ist extrem anstrengend, auch sind einige Sätze durch die oben genannte Methode kaputt, insbesondere die der wörtlichen Rede. Aber ich vermute mal, dass man 98% des Romans so völlig anders lesen (und korrigieren) kann - wenn man es durchhält. Über die Suchfunktion der Textverarbeitung muss man sich dann "nur noch" die verbesserten Sätze im Original wieder heraussuchen und die Korrekturen übernehmen.

Nachdem ich ungefähr den halben Korrekturlauf mit dieser Methode hinter mir habe, kann ich zumindest Folgendes sagen:
Eine neue Sicht auf den Text bekommt man auf jeden Fall, besonders sehr lange (zu lange) Sätze fallen bei dieser Methode deutlich ins Auge, weil jeder Satz einen eigenen Absatz bildet. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob sich der Aufwand tatsächlich lohnt, besser wäre wahrscheinlich, wenn man sich dazu bringen könnte, sehr langsam, fast wortweise zu lesen, denn auch bei der satzweisen Methode gehen einem noch kleine Buchstabenverdreher innerhalb eines Satzes durch, wenn man zu schnell liest.

Update 2017: Mittlerweile korrigiere ich jeden Roman einmal mit dieser Methode, der "Bruch" nach jedem Satz hält sehr wirkungsvoll dazu an, ganze Absätze nicht einfach zu überlesen, und zeigt so Fehler auf, die man sonst nie sehen würde.

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