Das Sterben der kleinen (Buch-)Läden

Foto von Alan Cleaver
Nicht zum ersten Mal thematisiert in der 37°-Doku vor einigen Tagen wird das (Massen-)Sterben der kleinen Läden, die sich - so wird vermutet - der Konkurrenz aus dem Internet beugen müssen und nicht mehr mithalten können. Ob unbedingt das Internet schuld sein muss, oder ob es andere Gründe gibt - "Offline"-Bestellungen von Neckermann und Otto gab es ja schließlich schon lange vor amazon und eBay - ist nicht sofort ersichtlich.
Nach einer kurzen Suche scheint die Macht des Internets hier doch ein wenig überschätzt zu werden, Artikel über das Phänomen gibt es reichlich, viele allerdings sehen ganz andere Hintergründe als das Internet oder leugnen einen Zusammenhang sogar explizit:
  • "Das Sterben der kleinen Fachgeschäfte"
    Das Internet wird nicht erwähnt, als Ursache für das Sterben der kleinen Geschäfte werden hier Ladenketten genannt, die Filialen aufmachen, ihre Waren teilweise selbst produzieren und dadurch viel niedrigere Preise anbieten können als der Fachhandel.
  • Der gute Name zählt nichts mehr - Geschäftesterben und soziale Demontage"
    Hat ebenfalls nichts mit dem Internet zu tun, hier geht es darum, dass ein lokaler Händler den subventionierten Billigpreisen aus dem Osten nichts mehr entgegen zu setzen hatte.
  • "Onlineboom vs. Ladensterben"
    Die Tagesschau wartet hier mit ein paar Zahlen auf, z.B. dass die Top 3-Warengruppen im Versandhandel Bekleidung, Bücher, Elektronik sind (wobei Bekleidung mehr als doppelt und fast dreimal soviel verkauft wird wie Bücher bzw. Elektronik), hat aber leider wenig Erklärungen. Als Grund für den Boom der Online-Bestellungen wird genannt, dass die Leute lieber bequem zu Hause sitzen und so weniger Gelegenheit für "Impuls- und Lustkäufe" haben - genau das kann ich aber bei den "Kunden kauften auch"-Empfehlungen der Online-Shops überhaupt nicht nachvollziehen, hier wird man zum Teil sehr viel penetranter (und effektiver) zum Mehr-Kauf verführt, als das in der Stadt möglich ist.

Den besten Text zum Thema habe ich hier unter dem Titel "Der Tod des Einzelhandels – nicht nur das Internet ist schuld" gefunden. Ein in den o.a. Artikeln zu wenig beachteter Grund für die Stagnierung der "Impuls- und Lustkäufe" ist demnach schlichtweg das Fehlen der dafür notwendigen finanziellen Mittel. Der Verbraucher achtet dann irgendwann doch einfach auf den Preis und kauft nicht aus lauter Liebe zum Althergebrachten im kleinen Laden, wo der Artikel eben merklich teurer ist als im Discounter.
Daher ein Fazit dieses lesenswerten Artikels: "Nostalgie ist kein dauerhaftes Geschäftsprinzip für die Masse der Einzelhändler."
Etwas flapsiger formuliert könnte man wahrscheinlich auch sagen: "Niemand, der heute Auto fährt, hat wahrscheinlich Schuldgefühle deswegen, dass dadurch der Berufsstand des Kutschers verdrängt wurde." Und: Wahrscheinlich muss man einfach mit der Zeit gehen.

Genau diesen Hintergrund hatte auch die Aussage eines Antiquars, mit dem ich mich einmal unterhalten habe und der auf die Frage, ob er seine Bücher auch im Internet anbiete, beinahe fassungslos antwortete: "Muss ich!" (Dass Tante Emma diese Möglichkeit für ihre Wurst nicht hat, bedingt wahrscheinlich genau den Umstand, dass es das Antiquariat heute noch gibt und den kleinen Lebensmittelladen um die Ecke nicht mehr.)

Und welchen Anteil habe ich am Ladensterben, speziell an dem kleiner Buchläden? Ich muss gestehen, dass ich schon lange keinen Buchladen mehr besucht habe ... Grund dafür ist allerdings hauptsächlich die Verfügbarkeit der von mir gesuchten Bücher, Schuld ist natürlich das Internet!
Das Internet hat es für mich deutlich einfacher gemacht, Bücher zu finden, die nicht mehr oder zu schwer erhältlich sind, hier sei (wieder einmal) booklooker genannt. Aber auch die Inspiration, was ich als nächstes lesen möchte, wird durch das Netz ausreichend befriedigt - hier habe ich bereits einen ganzen Artikel darüber verfasst. Die Beratung in einem Buchladen habe ich noch nie in Anspruch genommen, daher hält sich der "Schaden", den ich durch meine Online-Bestellungen verursache, stark in Grenzen.

Die meisten meiner Bücher habe ich seit jeher allerdings sowieso auf Trödelmärkten und in Antiquariaten gekauft, ganz einfach weil ich so viel lese, dass ich ansonsten im Jahr weit über 1000€ für Bücher ausgeben müsste, wenn ich alles neu kaufen würde - und das kann ich mir beim besten Willen nicht leisten.
Immerhin kaufe ich noch genug Bücher neu (dann zum großen Teil auch im Laden), Grund für ein schlechtes Gewissen habe ich also nicht gerade - ich möchte als Autor ja auch, dass meine Bücher neu und nicht nur gebraucht gekauft werden. (Vermutlich wird dieser Umstand mit der immer weiter fortschreitenden Verbreitung von eBooks (die man nicht gebraucht kaufen kann) noch Anlass für weitreichende Diskussionen sein. Aber das soll an anderer Stelle geschehen.)

Fazit? Keins, so richtig. Der Kölner würde vielleicht sagen: Et kütt, wie et kütt.

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